Freiwilligkeit - die stille Sprache des Vertrauens

Sonja Bottenberg • 22. Juni 2026

Über freie Begegnung, Esel als Lehrmeister und die Frage, wo Grenzen beginnen.


„Vertrauen entsteht nicht durch eine gute Beziehung – Vertrauen ist die Grundlage einer guten Beziehung."

Diesen Satz las ich neulich, und er blieb hängen. Er ließ mich nicht los – nicht weil er neu war, sondern weil er so präzise benennt, was ich in meiner täglichen Arbeit mit Tier und Mensch immer wieder erlebe. Und er brachte mich direkt zurück zu einem Thema, das wir in meiner Fortbildung „Resilienz für Mensch und Pferd" mit der Tellington-Methode intensiv diskutiert haben: Freiwilligkeit.


Ein Grundwert, der alles durchzieht

Freiwilligkeit – besonders im Kontext tiergestützter Interventionen – ist für mich kein Konzept unter vielen. Es ist einer meiner tiefsten Grundwerte in der Arbeit. Seit dem ersten Tag, an dem ich professionell mit Tieren und Menschen zusammengearbeitet habe, steht die „Freie Begegnung" im Mittelpunkt. Die Frage, ob ein Tier wirklich möchte, ob ein Mensch wirklich bereit ist – sie ist keine Formalität. Sie ist der Kern.

Ich glaube, dass genau diese Haltung ein enormes Potential birgt: Wenn ein Mensch erlebt, wie ein Tier sich freiwillig nähert, freiwillig bleibt, freiwillig mitmacht – dann passiert etwas ganz Besonderes. Etwas, das durch Zwang niemals entstehen könnte. Es ist diese echte Begegnung, die heilt, die stärkt, die Menschen mit sich selbst in Kontakt bringt.

Das gelingt mir, weil ich mich in einer guten, vertrauensvollen Beziehung zu meinen Tieren sicher fühle – und weil das Vertrauen nicht erkämpft, sondern aufgebaut wurde. Meine Tiere sind keine Werkzeuge. Sie sind Partner, die ihrerseits spüren, ob jemand wirklich präsent ist.


Die Ziegen auf der Wanderung

Gestern wurde mir der Unterschied zwischen gelebter Freiwilligkeit und dem, was in vielen Bereichen der Tierhaltung als normal gilt, wieder sehr deutlich. Ich war auf einer geführten Ziegenwanderung – und diese Tiere haben mich begeistert und auch ein bisschen nachdenklich gemacht. Ziegen sind absolute Freigeister. Sie lassen sich nicht einfach regulieren, nicht einschränken, nicht in starre Muster pressen. Was sie zeigen, zeigen sie wirklich.

Und dann dachte ich an Pferde. An Esel. An Maultiere. Ursprüngliche Wesen – Wesen mit eigenem Willen, eigener Wahrnehmung, eigenem Erleben. Und doch ist es in der Reiterwelt so selbstverständlich geworden, sie zu regulieren, einzuschränken, fremd zu bestimmen. Nicht immer aus böser Absicht – aber oft ohne die Frage zu stellen: Will dieses Tier das gerade wirklich?

Sollten wir nicht mehr mit unseren Tieren trainieren und zusammenleben – wie mit einem Esel? Wie mit einer Ziege?


Meine Esel als Lehrmeister

Meine Esel haben mir mehr beigebracht als manches Seminar. Passiert etwas nicht freiwillig und mit einem echten Sinn für das Tier dahinter, passiert es einfach nicht. Kein Druck, keine Überredung – und wenn doch, dann zeigen sie es. Deutlich. Ehrlich. Unmissverständlich.

Genau das ist es, was ich an sie schätze – und was ich meinen Klientinnen, den Kindern, den Familien, die zu mir kommen, weitergeben möchte: Freiwilligkeit wird nicht erklärt. Sie wird vorgelebt. Und die Esel tun das täglich, ohne Worte.

Übrigens waren sie auch große Lehrmeister im Umgang mit meinem Herdenschutzhund-Mix. Wo ich vorher nur gefallenwollende Schäferhundmixe kannte, lernten wir alle gemeinsam – Esel, Hund und ich – was echte Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet.


Und wo sind die Grenzen?

Die Frage beschäftigt mich ehrlich – und ich finde sie wichtig, um sie nicht zu verdrängen. Denn natürlich gibt es Situationen, in denen Freiwilligkeit an Grenzen stößt. Medizinische Notversorgung. Sicherheit. Tierschutz.

Ich unterscheide hier zwischen zwei Bereichen, die sich manchmal auch überschneiden: Training und Intervention. Im Training – wenn ich mit einem Tier eine Fertigkeit aufbaue, eine Kooperation für Pflegemaßnahmen entwickle – ist der Weg oft langwieriger als mit Zwang. Aber er ist nachhaltiger. Das Tier versteht, warum. Es bleibt freiwillig dabei.

In der Intervention hingegen – wenn ein Mensch in einem verletzlichen Moment auf ein Tier trifft – ist die Freiwilligkeit des Tieres besonders bedeutsam. Denn das Tier wird nicht eingesetzt. Es begegnet. Und diese Unterscheidung ist für mich wesentlich.

Freiwilligkeit bedeutet nicht Kontrollverlust. Sie bedeutet, Kontrolle bewusst loszulassen – aus Respekt, aus Vertrauen, aus dem Wissen, dass das, was dann entsteht, echter ist als alles Erzwungene.



Was bleibt

Vielleicht ist es das, was Tiere uns am deutlichsten lehren können: Echte Verbindung lässt sich nicht herbeiführen – sie entsteht, wenn der Raum dafür geschaffen wird. Wenn wir aufhören zu drücken, zu ziehen, zu fordern. Wenn wir anfangen zuzuhören.

Die Esel wissen das. Die Ziegen wissen das. Und langsam, in der Begegnung mit ihnen, lernen es auch wir.

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