Die Beziehung zum Tier ist keine Nebensache

Sonja Bottenberg • 7. Juli 2026

Sie ist der Anfang von allem!

Nur wenn es zwischen uns stimmt, kannst du profitieren


Hast du das auch schon einmal erlebt, bei dir selbst oder bei anderen, dass ein Tier dir plötzlich etwas über das Leben zeigt, was dir kein Mensch so hätte sagen können?


Olbrich schreibt im Handbuch der tiergestützten Interventionen (S. 47) etwas, das mich seither nicht mehr loslässt: "Wie gut ein Dritter von einem Tier lernen kann, hängt maßgeblich davon ab, wie gut die Beziehung zwischen dem Tier und seiner Bezugsperson ist."


Können wir also wirklich nur dann etwas von einem Pferd, einem Esel, einem Tier lernen, wenn zwischen ihm und seinem Menschen ein echter, guter Kontakt besteht?


Ich sage: Ja. Zumindest im Rahmen der tiergestützten Arbeit und ihrer Ziele geht es nicht ohne.


Warum mir die Beziehung zu meinen Tieren so viel bedeutet


Genau deshalb ist es mir so wichtig, mit meinen Tieren eine tragfähige, echte Beziehungsebene aufzubauen, durch Training, durch das Achten ihrer Bedürfnisse, und manchmal einfach nur durch ein gemeinsames Sein, ganz ohne Ziel dahinter.


Gelingt mir das immer? Nein. Sicher nicht.


Aber genau hier schließt sich für mich ein Kreis zu meiner eigenen Lebensführung. Wir Menschen kommen mit unseren Bedürfnissen, unseren Fehlern, unseren Geschichten und ja, auch mit unserem Ego zu den Tieren. Und trifft man auf ein Tier, noch mehr auf sein eigenes Tier, dann darf man sich in genau diesem Moment weiterentwickeln. Sich reflektieren. Sich hinterfragen. Besonders dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse oder Erwartungen aufeinandertreffen und leicht Missverständnisse entstehen können.


Das erlebe ich gerade sehr bewusst mit meinem neuen kleinen Weggefährten "Stürmchen". Und ich erkenne darin so viel von dem wieder, was auch meine Klient*innen erleben: Hört man genau hin, spürt man wirklich hinein, dann sind es fast immer diese Kommunikationshürden, die im Alltag zu Konflikten führen.


Genau hier setzt unsere Arbeit an: Missverständnisse übersetzen. Mit dem Tier kommunizieren, über das Tier kommunizieren.


Aber wie soll das gelingen, ohne dass eine echte Beziehung zum Tier besteht?


Ein Bild vom Reitplatz, das mich nachdenklich gemacht hat


Vor einigen Wochen habe ich auf unserem Reitplatz eine Szene beobachtet, die mich noch lange beschäftigt hat: wenig Harmonie, wenig Stimmigkeit zwischen Pferd und Mensch.


Eine mir unbekannte Frau arbeitete mit einem Wallach am Kappzaum, vertieft in Bodenarbeit. Am Rand stand die Besitzerin und beobachtete. Mein erster Gedanke: Vielleicht eine Reitbeteiligung, die schauen möchte, ob es passt. Einige Tage später wiederholte sich das Bild, und ich fragte bei der Besitzerin behutsam nach. Ihre Antwort hat mich überrascht: Die Frau sei eine gute Bekannte, die selbst zwei Pferde habe und regelmäßig mit ihnen vom Boden aus arbeite. Die Besitzerin sei von dieser Arbeit so angetan gewesen, dass sie sie nun auch mit ihrem eigenen Pferd ausprobieren wollte.


In dem Moment merkte ich, wie schnell ich innerlich schon eine Einschätzung fertig hatte und wie unsicher ich plötzlich wurde, sie auch auszusprechen. Denn was ich sah, wirkte auf mich nicht stimmig: Das Pferd schien irritiert, angespannt, ein wenig verloren in der Situation. Ich war davon ausgegangen, dass die Besitzerin das genauso wahrnimmt wie ich und merkte dann, dass das eben nicht selbstverständlich ist. Jede und jeder schaut mit anderen Augen, mit anderer Erfahrung, auf das, was zwischen Pferd und Mensch passiert.


Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte in diesem Moment mehr Mut gehabt, behutsam nachzufragen, statt zu schweigen. Nicht um es besser zu wissen, sondern um dem Pferd eine Stimme zu geben für das, was es mir in diesem Moment vielleicht mitteilen wollte. Dieses Gefühl begleitet mich bis heute und erinnert mich daran, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und behutsam ins Gespräch zu gehen, wenn mir die Beziehung zwischen Pferd und Mensch am Herzen liegt.


Dieses Beispiel zeigt für mich vor allem eines: wie leise sich fehlende Stimmigkeit zeigt und wie leicht wir als Außenstehende darüber hinwegschauen können, wenn wir nicht genau hinsehen wollen.


Was ich sehe, wenn Beziehung gelingt


In meiner eigenen Arbeit erlebe ich überwiegend das Gegenteil. Vor allem dort, wo es um die Übersetzung vom Tier zum Menschen geht, wachsen Verständnis, Empathie und Entwicklung. Das macht mich froh.


Und trotzdem: Auch bei mir läuft nicht jeder Moment stimmig ab. Auch ich muss mich immer wieder reflektieren, auch mir passieren unachtsame Momente, in denen ich ein Bedürfnis übersehe oder zu schnell weitergehe. Der Unterschied liegt für mich vielleicht weniger darin, perfekt zu sein, als in der Haltung, mit der ich dem begegne: Ich will hinschauen, nachfragen, korrigieren statt wegzuschauen.


Ich weiß, dass manche „Pferde-, Esel- und auch Hundemenschen" meine Art im Umgang mit den Tieren belächeln. Ich höre die immer gleichen Sätze: „Du musst dich mal durchsetzen!" Ja, und manchmal komme ich dadurch deutlich langsamer ans Ziel. In manchen Situationen zweifle ich sogar so stark an mir, dass ich befürchte, nie anzukommen. Und ich spreche hier von meinen ganz persönlichen Zielen mit meinen eigenen Tieren.


Aber es ist mir das wert. Für meine Arbeit. Und für das Vertrauen, das ich mir damit erarbeite - Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.



Wie erlebst du das: Was hat dir ein Tier über deine eigene Lebensführung gezeigt? Und was löst es in dir aus, wenn du echten, stimmigen Kontakt zwischen Mensch und Pferd siehst? Ich freue mich, wenn du mir davon erzählst.

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