Keine Leistung, bitte. Nur ich!

Sonja Bottenberg • 24. Juli 2026

Erholen oder funktionieren?

Ich sitze in der Reha. Offiziell heißt das jetzt so. Früher nannte man es Kur, und irgendwie trifft dieses alte Wort besser, was ich mir eigentlich wünsche: kurieren, zur Ruhe kommen. Stattdessen höre ich in den ersten Tagen mehrfach denselben Satz: „Das ist hier kein Urlaub."

Ich verstehe, warum man das sagt. Und trotzdem bleibt die Frage in mir hängen: Stimmt die Richtung überhaupt?


Ein Körper, der lange schon spricht

Meine Rückenbeschwerden begleiten mich seit Jahrzehnten. Ein Teil kommt vom schnellen Wachstum in jungen Jahren, ein Teil ist stressbedingt, psychosomatisch. Der Körper übersetzt, was die Seele nicht mehr halten kann. Neuerdings weiß ich zusätzlich von einem Wirbelbruch. Vieles ergibt jetzt mehr Sinn. Manchmal braucht es eben eine Diagnose, damit man sich selbst endlich ernst nimmt.


In meinem Alltag bewege ich mich viel, gerade durch die Arbeit mit den Tieren. Bewegung ist bei mir nicht nur eine Wahl (wenn auch häufig), sondern Notwendigkeit. Bwewegung für die Versorgung der Tiere, für die Arbeit draußen. Aber mein aktueller Hauptjob ist überwiegend im Büro, und das hat die Bewegung weniger werden lassen. Die Muskulatur hat mir das ganz direkt gezeigt: Was nicht gebraucht wird, baut sich ab.


Ein Leben, das gelebt werden will

Seit meinem Burnout vor zehn Jahren baue ich mir mein Leben bewusst anders. Stück für Stück weg von der reinen Leistungsgesellschaft, hin zu etwas, das sich richtig anfühlt statt nur richtig aussieht. Das bedeutet manchmal Angst. Manchmal Geldsorgen. Aber meine Gesundheit ist mir das wert. Wer mich kennt, weiß, wie viel Natur ich in dieses Leben hineinwebe - nicht als Deko, sondern als tragendes Element.

Und dann komme ich hierher, in die Reha, und spüre: Das System, in dem ich gerade bin, folgt einer ganz anderen Logik.


Leistung bis ins hohe Alter

Die Reha wird von der Rentenversicherung getragen. Und das prägt, wofür sie eigentlich gedacht ist: Menschen so lange wie möglich arbeitsfähig zu halten. Ich will das nicht falsch verstanden wissen, ich bin dankbar für unser Sozialsystem, für die Gesundheitsfürsorge, die uns hier in Deutschland trägt. Aber im Kern steht hier Leistung. Nicht Erholung.


Man merkt es überall. Die Therapeutinnen und Therapeuten wirken oft ähnlich gestresst wie die Patientinnen und Patienten. Alles getaktet im 30-Minuten-Rhythmus. So viel Input wie möglich in drei Wochen gepresst. Erholung bleibt dabei oft ein Nebeneffekt, kein Ziel.


Wenn Reize zu viel werden

Für neurodivergente und hochsensible Menschen ist das eine besondere Herausforderung. So viele Reize in so kurzer Zeit: körperlich, mental, sinnlich. Krankheiten hier, Symptome da, ständig neue Gesichter, ständig neue Gespräche im Speisesaal. Auszeiten muss man sich aktiv nehmen, manchmal auch gegen den Plan, und dafür in Kauf nehmen, dass eine Therapieeinheit ausfällt. Musik auf den Ohren hilft mir gerade sehr, die vielen Stimmen im Raum ein Stück weiter weg zu rücken.


Die vielleicht falschen Fragen

In unserer Gesellschaft messen wir vielem seinen Wert über den Nutzen. Was bringt es? Zahlt es sich aus? Lohnt sich das? Auch in der Reha schwingen diese Fragen mit. Nur eben übersetzt in: Wie schnell bist du wieder einsatzfähig?


Ich frage mich, ob das die falschen Fragen sind. Vielleicht sollten wir, gerade wenn wir an Reha und Genesung denken, andere stellen: Was tut mir gut? Warum hetzen wir in der Arbeit genauso wie in der Freizeit? Wer zwingt uns eigentlich, uns immer weiter voranzutreiben?


Ein verlorenes Gespür

Vielleicht haben wir etwas verloren. Ein inneres Signal, das uns zeigt, wenn wir auf einem Weg sind, der uns nicht guttut. Eine Achtsamkeit uns selbst gegenüber, die nicht erst dann einsetzt, wenn der Körper längst „Stopp" geschrien hat.


Ich glaube, genau dort beginnt echte Regeneration. Nicht im getakteten Programm, sondern in dem leisen Moment, in dem wir uns wieder fragen, was wir eigentlich brauchen. Vielleicht können wir dann lernen, uns in unserem eigenen Rhythmus durch diese Gesellschaft zu bewegen statt in ihrem.


Wie geht es dir, wenn du an Erholung denkst? Fällt es dir leicht, dir Pausen zu erlauben? Oder musst du sie dir, wie ich gerade, aktiv erkämpfen?

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